Der ägyptische Sonnengott Ra ist heute in aller Munde

Stele der Offenbarung aus dem Totentempel der Königin HatschepsutRe Harachte - Herr der GötterDer  altehrwürdige ägyptische Sonnengott Ra ist heute in aller Munde. 

Zumindest bei all denen, die das Spiel Book of Ra kennen.

Und da man nicht all zu viel über diesen Gott erfährt, wenn man Book of Ra spielt, fühlen wir von die-goetter.de uns eingeladen, Interessierten ein wenig unter die Flügel zu greifen.

Insbesondere hinsichtlich der Frage, was es mit dem markanten roten Punkt (der Sonnenscheibe), welcher an vielen Stellen in diesem Spiel auftaucht, auf sich hat. 

Wenden wir uns also dem Namensgeber dieses Spiels, dem ägyptischen Gott Ra zu.

Ra - der wichtigste Sonnengott der Ägypter

Ra, oft auch Re genannt, ist ein, lange Zeit sogar DER, Sonnengott der alten Ägypter
Gott Ra hat eine menschliche Gestalt, sein Kopf aber ist der eines Falken.

Und er trägt eine große rote Sonnenscheibe auf dem Kopf, in der sich eine grüne Orobäus-Schlange schlängelt - das Zeichen der Götter, das Zeichen des vollständig erwachten oder des ohne Unterlass hell wachen Bewusstseins. 

Dies nämlich unterscheidet die Götter von den Menschen - eine Argument-Figur, die sich auch im Gilgamesch-Epos wieder findet: Während die Menschen schlafen müssen, haben Götter dieses Bedürfnis nicht. Sie sind immer wach, sie brauchen keinen Schlaf. 

Zum einen repräsentiert die rote Sonnenscheibe die sinnlich wahrnehmbare Sonne am Tageshimmel (Aton). Zum anderen wird die Sonnenscheibe auch als Auge des Gottes Ra verstanden. Gott Ra sieht, wärmt, durchlichtet die Welt und indem er es tut, ermöglicht er das Leben in seinen vielfältigen Formen. Die Sonne ist also für die Ägypter eine lebensspendende Gottheit. 

Schöpfungsgötter allerdings gab es im Alten Ägypten recht viele - Nun, Atum, Ptah, Horus, Amun, um nur die wichtigsten zu nennen - Schöpfungsgötter im Sinne von: Sie erschufen Natur, Götter, Menschen  - alles außer ihnen selbst eben. 

Deshalb wurde der Gott Ra im Laufe der mehr als 3000 Jahre der alten ägyptischen Reiche auch immer wieder mit anderen Schöpfer-Gottheiten verschmolzen - sodass aus den miteinander verschmolzenden Gottheiten ein Schöpfergott wurde, meist nun versehen mit einem Doppelnamen.

Ra-Hoor bzw. Re-Harachte (eine Verschmelzung von Ra und Horus) sind dafür ein Beispiel. Andere wären: Re-Atum und - besonders bekannt - Amun-Re. 

Ra verschmolzen mit einem der anderen Götter hatte dann nicht nur die Funktion eines Schöpfergottes, sondern wurde - Re-Harachte oder Amun-Re - auch als Herr der Götter angesehen und verehrt.

Die Hieroglyphen auf der berühmten Stele der Offenbarung aus dem Totentempel der Königin Hatschepsut weisen Re Harachte denn auch explizit als Herr der Götter aus. 

Als lebensspendende - somit lebensschöpfende - Gottheit sieht und durchlichtet Ra nicht nur die ganze Welt, sondern er stellt auch sicher, dass jeder Winkel der Welt von seinem Auge - der Sonne - erhellt werden kann - die Oberwelt und auch die ganze Unterwelt - denn in mindestens diese beide Welten teilten die Ägypter ihre Welt ein.

Wie er das tat wird in einer besonderen Geschichte erzählt. Genauer gesagt: Tag für Tag, morgens, mittags, abends und mitternachts zelebriert. 

Ra - der Gott der aufgehenden Sonne

Ra als Re Harachte - auch hier mit der roten SonnenscheibeAls täglich über die Himmel des Tages und der Nacht fahrende Gott differenziert sich Gott Ra wiederum in vier verschiedene Gottheiten auf.

Er selbst ist in diesem täglichen Ritual  nicht etwa ein abstrakter Sonnengott hinter den sichtbaren (wie es später üblich wurde), sondern die Gottheit - bzw. der als männlich gedachte Gott der aufgehenden Sonne.

Ahathoor (Hathor, die Göttin der Schönheit und der Liebe) wird zur als weibliche Gottheit vorgestellten Göttin der Mittagssonne, Thum zum Gott der Abendsonne und Kephra (der Mistkäfer) zur Gottheit der Mitternachtssonne. 

Wie wird bzw. wurde die Anrufung des Schöpfergottes Ra in Gestalt der Sonne zelebriert?

Wir können uns das so verstellen, dass es für die Menschen im alten Ägypten selbstverständlich war, dass sie gemeinsam mit den Göttern Tag für Tag (bzw. Nacht für Nacht) dafür sorgen, dass die Sonne ihre Bahnen ziehen kann.

Die Götter brauchen also die Hilfe der Menschen, um ihr göttlich Werk tun zu können. Eine interessante Vorstellung, die es - in dieser Form - nur in Ägypten gab. 

Um den Göttern bei ihrem - durchaus anstrengenden und auch gefahrvollen - Unterfangen zu helfen, taten sie nun also folgendes:

Jeden Morgen, um 6 Uhr begrüßten sie die - aufgehende - Sonne in ihrer morgentlichen Gestalt als Gott Ra. Sie wendeten sich sich dazu gen Osten - egal, ob die Sonne tatsächlich schon den Horizont überschritten hat oder nicht - und riefen die aufgehende Sonne an: 

Heil dir, der du Ra bist, in deinem Aufsteigen,
Eben dir, der du Ra bist, in deiner Stärke.
Der du über die Himmel fährst in deiner Barke. 
Beim Aufsteigen der Sonne. 

Tahuti steht in seiner Pracht am Bug.
Und Ra-Hoor weilt am Ruder
Heil dir von den Wohnorten der Nacht.

Mittags um 12 Uhr, abends um 18 Uhr und schließlich zu Mitternacht wird dann jeweils einer der anderen drei Sonnen-Gottheiten mit den gleichen Versen, angepasst auf Mittag - (Schönheit), Abend - (Freude) und Nachts - (Schweigen), angerufen. 

Übrigens: Tahuti ist eine Variante des unter diesem Namen bekannteren Gottes Thoth, - dem Gott der Weisheit und auch der Schreibkunst. 
Barke bezeichnet ein Schiff und Ra-Hoor ist der Name von Ra in Verbindung mit dem Herrscher-Gott Horus. 

Wir sehen also deutlich abgegrenzt, inwiefern Ra speziell als der Gott der gerade aufgehenden Sonne verehrt wird.  

Der Lauf der Sonnenbarke 

Die Sonnebarke des Ra - auf einer SteleWährend also die Menschen von ihren Wohnorten im Laufe eines Sonnenlaufs über die Himmel Ra und seine Begleiter begrüßten, fuhr Ra ohne Unterlass - stehend - in der Sonnenbarke durch die Gewässer der Himmel.

Auf seinem Kopf schwebt oder liegt, wie man will, eine große rote Scheibe - die Sonne. 

Diese Fahrt mit der Sonnenbarke - darauf wollen wir nun noch ein wenig eingehen, damit ihr Euch auch Bilder machen könnt - war besonders in der Nacht, ein gefahrvolles Unterfangen. 

Doch der Sonnengott Ra fährt nicht allein über die Himmel. Bei ihm sind viele der wichtigen und von den Menschen verehrten Götter. Von Thot (Tahuti), dem Gott der Weisheit, war schon in den anrufenden Versen die Rede, ebenso von Re-Harachte (Ra-Hoor).

Eine sehr wichtige Rolle - besonders zu Mitternacht – spielte aber auch der Gott des Krieges: Seth, der Bruder von Osiris und Gegner des Herrscher-Gotts Horus. 

Seth nämlich - in vielen Mythen der alten Ägypter als Feind beschrieben, denn er tötete Osiris und kämpfte mit Horus um die Vorherrschaft in Ägypten - steht Nacht für Nacht als Krieger am Bug der Sonnebarke und tötet die riesige Schlange Apophis, welche die Sonnenbarke der Götter durch eine eigens aufgeschüttete Sandbank zum Kentern bringen will.

Seth aber war und bleibt auch, nachdem er von Horus besiegt wurde, der Herrscher der Wüste, welche das fruchtbare Land entlang des Nils umgibt. So hat allein er die Kraft und das Geschick, das Ungeheuer Apophis zu besiegen und die Barke über die sich auftürmende Sandbank zu lenken. 

Erst nachdem die Sonnenbarke die Sandbank Nacht für Nacht überwunden hat, gelangen Ra und die ihn begleitenden Götter bei Osiris an - dem Herrscher und König der Unterwelt.

Dort nun verjüngt sich Gott Ra, der im Laufe des langen Tages zu einem Greis geworden ist und wird - wie Osiris nach seinem gewaltsamen Tod durch Seth - auf´s Neue geboren. Sodass er nun wieder die Kraft und die Jugend für einen weiteren Sonnenweg durch die Himmel hat. 

Wie Ihr seht, ist diese Fahrt der Sonnenbarke kein Zuckerschlecken. Und einsichtig, dass die Götter den Beistand der Menschen brauchen, um Ihre Fahrt jeden Tag auf´s Neue zu vollenden, wird es so vielleicht auch. 

Hier noch, wen es interessiert, die vollständige Fassung der Verse, mit denen die Menschen Tag für Tag den Göttern dabei helfen: 

6 Uhr - Richtung Osten zur aufsteigenden Sonne gewandt
Heil dir, der du Ra bist in deinem Aufsteigen, eben dir, der du Ra bist in deiner Stärke, der du über den Himmel fährst in deiner Barke beim Aufsteigen der Sonne. 
Tahuti steht in seiner Pracht am Bug und Ra-Hoor weilt am Ruder, Heil dir von den Wohnorten der Nacht. 

12 Uhr - Richtung Süden zur Mittagssonne gewandt
Heil dir, der du Ahatoor bist in deinem Triumphieren, eben dir, der du Ahatoor bist in deiner Schönheit, der du über den Himmel fährst in deiner Barke in der Mitte des Laufs der Sonne. 
Tahuti steht in seiner Pracht am Bug und Ra-Hoor weilt am Ruder, Heil dir von den Wohnorten des Morgens. 

18 Uhr - Richtung Westen zur untergehenden Sonne gewandt
Heil dir, der du Thum bist in deinem Untergehen, eben dir, der du Thum bist in deiner Freude, der du über den Himmel fährst in deiner Barke beim Untergehen der Sonne. 
Tahuti steht in seiner Pracht am Bug und Ra-Hoor weilt am Ruder, Heil dir von den Wohnorten des Tages.

24 Uhr - Richtung Norden zur Mitternachtssonne gewandt
Heil dir, der du Kephra bist in deinem Verbergen, eben dir, der du Kephra bist in deinem Schweigen, der du über den Himmel fährst in deiner Barke zur Mitternachtstunde der Sonne. 
Tahuti steht in seiner Pracht am Bug und Ra-Hoor weilt am Ruder, Heil dir von den Wohnorten des Abends.

Bildquellen: 

© Herbert Drücke
© wikipedia.org/wiki/Stele_des_Anchefenchons
© wikipedia.org/wiki/Sonnenschiff#/media/File:Solar_barge.jpg

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