Was ist ein Mythos - Definition Mythos <-> Märchen

Mythos Defintion und Geschichte

Was ist ein Mythos - im Unterschied zu Märchen, Sagen, Legenden oder zu  Aberglauben?

Mythen, Märchen, Sagen, Legenden und Aberglauben werden heutzutage oft in einem Atemzug erwähnt. Und der Tat haben Mythos, Märchen, Sagen, Legenden und Aberglauben eine Gemeinsamkeit:

Sie erzählen Geschichten, in denen ein rätselhaftes oder zumindestens besonders interessantes Geschehen in einem plausiblen anschaulichen Kontext beschrieben wird.

In der Sage um die Rosstrappe zum Beispiel (einem eindrucksvoll vorspringendem Felsen über dem Bodetal im Harz) wird erzählt, wie ein Ritter in letzter Not sich mit einem gewaltigen Sprung über das Bodetal von seinen Verfolgern rettete. Durch diesen Sprung entstand die besondere Form, die dieser Felsen heute hat. 

Im Mythos von Herakles - dem größten Held der alten Griechen - wird das ganze Leben eines Menschen erzählt, dem es als einzigem aller Menschen gelungen war, in die Reihe der olympischen Götter aufgenommen zu werden.  Der Weg eines Menschen zu unsterblichem Leben - nach der Vorstellung der alten Griechen. 

Ein wichtiger Unterschied zwischen einem Mythos im Vergleich zu Märchen, Sagen, Legenden ist also die Größe und Tragweite der Geschichte. Aber es gibt noch mehr Unterschiede und vor allem die Frage: Was ist mit Geschichten von großer Tragweite gemeint? 


Worin unterscheidet sich ein Mythos von Märchen und Sagen?

Ein Mythos bringt existentielle Fragen auf den Punkt und versucht, Antworten auf diese Art von Fragen zu finden: 

Existentiell meint: Das Leben, auch das Leben-können eines Menschen, in seinem Grund betreffend. Schöpfung - also die Entstehung des Lebens überhaupt ist denn auch eines der zentralen Themen des Mythos. Ein anderes: Leben und Tod. Liebe und Hass. Freiheit und Bindung, Mann und Frau, Menschen und Götter. 

Sagen und Legenden etc. erklären oder deuten Landschaft oder auch die Kultur einer bestimmten Region, einer Gegend, eines bestimmten Volkes, einer bestimmten Moral oder eines bestimmten rätselhaften Ereignisses. Sind viele Sagen (z.B. einzelne Heldentaten des Herakles) zu einer großen zusammenhängenden Geschichte verwoben, können sie auch Bestandteile eines Mythos sein. 

Märchen sind erst viel später als Mythen und Sagen entstanden, aber sie nehmen meistens Motive dieser - viel älteren Mythen oder Sagen - auf.

Im Unterschied zu einem Mythos geht es in einem Märchen nicht darum, Fragen von großer Tragweite zu stellen. Märchen erzählen den - oft denselben Stoff, z.B. Schneewittchen knüpft an den Mythos von Aphrodite an - so, dass eine klare Handlungsregel am Ende steht. Z.B. Vertraue keinem Fremden, mag er auch noch so freundlich sein. 


Mit Mythen erschaffen Menschen - sich selbst

Mythos Definition bei Joseph CamphellMit Mythen haben sich Menschen ihre Kultur erschaffen. Schon die ersten Bilder, die Menschen an Höhlenwände malten, waren magischer Natur. Sie zeigten das Selbstverständnis des Menschen.

Die ersten Wörter, die niedergeschrieben wurden, besangen die Götter und schufen den Wortmythos, der uns überliefert ist. Man kann sagen: Kultur ist Mythos.

Sagen hingegen und Legenden beziehen sich zumeist auf lokale Besonderheiten einer Landschaft oder einer Stadt.

Zum Beispiel - die Sagen rund um den Brocken / Hexentanzplatz im Harz oder der Lorelei-Felsen am Rhein.

Die renommierte britische Religionswissenschaftlerin Karen Armstrong beschreibt in ihren Büchern die Geschichte des Mythos von seinen Anfängen bis in die Gegenwart.

Was ist ein Mythos? Die Frage stellt Karen Armstrong natürlich auch an ihre Leser. Und beantwortet sie mit folgender Definition:


Definition Mythos

Sokrates - das Ende des MythosEin Mythos beschreibt ein ganz besonderes Ereignis. Er berichtet in Form eines Kunstwerkes von etwas, das zu erzählen sich lohnt und verdichtet es zu einer Geschichte, die den Menschen berührt.

Menschen suchen Momente der Ekstase. Momente, in denen sie sich tief berührt und vorübergehend über sich selbst hinausgehoben fühlen.

Ja, in Verzückung sollte ein Mythos Menschen bringen, selbst angesichts des Todes und der Verzweiflung, in die ihn die Aussicht auf Auslöschung stürzen mag. Leistet ein Mythos das nicht mehr, so hat er sich überlebt und stirbt.


Mythos - den Menschen über sich hinausheben

Diese Aufgabe, Menschen über sich hinaus zu heben, kann ein Mythos nur erfüllen, wenn er sich mit den Lebensumständen der Menschen verändert. Die Götter der Alten Ägypter, Griechen, Römer oder auch der christliche Gott mögen für uns interessant und auch lehrreich, vielleicht auch sympathisch sein. Sie sind nicht mehr unsere. Sie haben ihre erschütternde Kraft verloren.

Seltsamerweise haben die Mythen dennoch ihr Geheimnis, dem Menschen Rätsel und Lösung zu sein, für uns bewahrt. 

Aber wie? Wodurch? Wie sind Mythen beschaffen, dass sie uns Heutige berühren, erschüttern, über uns hinauswachsen lassen?

Kunstwerke sind sie. Gewiss. Erschaffen zumeist aus jahrtausenderlanger Weisheit der Völker und von Dichtern wie Homer und Hesiod in Griechenland dann aufgeschrieben. Von den meisten Mythen ist so etwas wie ein Verfasser zwar nicht bekannt. Doch waren es eben die Mythen - zu allen Zeiten, die Künstler aller Gengre zu ihren größten Werken inspirierten. 

Sicher: Nicht jedes Kunstwerk ist ein Mythos. Zu einem Mythos wird ein Kunstwerk erst dann, wenn es nicht nur ein einmalig stattgefundenes Ereignis beschreibt, sondern ein Gleichnis für einen Vorgang ist, der sich in jedem Menschenleben abspielt: Archetypen wie der Held, der Weise, die Jungfrau und der Narr erscheinen auf der Bildfläche und erzählen uns mehr über Gott und die Welt und uns selbst als wir mit bloßem Auge sehen und mit unserem Verstand kategorisieren können. 

Parzival mit den Rittern der Tafelrunde, der Gralskönig und besonders der Ritter Parzival und seine Condwiramurs sind solch ein Mythos, in dem uns zentrale Archetypen begegnen. Wolfram von Eschenbach hat diesen Mythos in die Form eines Versromans gebracht. Einen modernen Mythos, der auf eigene Weise alte europäische Mythen zu einem neuen Mythos vereint hat Tolkien in seinem Hobbit, Herr der Ringe und in seinem Silmarillion erzählt. 


Mythos Beispiel Theseus

Mythos Theseus und KentaurusSo zum Beispiel der Mythos des griechischen Helden Theseus.

Theseus hat sich die Aufgabe gestellt, den Minotaurus im Labyrinth von Kreta zu besiegen.

Sodass nicht mehr - wie bisher jedes Jahr sieben athenische Jungfrauen und Jungmänner ihn zum Fraße ausgeliefert werden müssen.

Ein höchst gefährliches Unterfangen - denn Theseus muss sich dafür in die labyrinthartige Höhle seines Feindes begeben, den Minotaurus finden und ihn besiegen - und wieder aus dem Labyrinth herauskommen.

Wer ihm dabei hilft ist die Königstochter Ariadne - sie kennt gibt ihm eine Knäuel mit, durch das er den Weg aus dem Labyrinth findet. 

Der Mythos von Theseus beschreibt die Auseinandersetzung mit den eigenen, noch unerkannten Trieben, der sich ein besonders ein junger Mensch unvermeidlich stellen muss. So er erwachsen werden und Verantwortung (Theseus wird König von Athen) übernehmen will.

Worin das Gleichnis für den Menschen besteht, sagt der Mythos meist nur zwischen den Zeilen - und eben darin liegt seine Wirksamkeit und orientierende Kraft für die Menschen. Der Grund, ihn weiter und weiter und immer wieder auf´s Neue zu erzählen:

Das eigene Leben in einem größeren Muster zu sehen, verstehen und sich an diesem Muster (statt z.B. an tagtäglichen Sorgen) zu orientieren.

Außer dem Mythos von Theuseus, Ariadne und Minotaurus haben die alten Griechen noch viele weitere Mythen von großen Helden erzählt:

  • Herakles - der starke Held der Griechen, der dank seiner unbändigen Kraft und mit Hilfe der Götter Hermes und Athene, sogar schafft, lebendig aus der Unterwelt zurückzukommen.
  • Odysseus, der kluge Held der Griechen, der mit List, Tücke und Verstand und ebenfalls mit der Hilfe von Athene schafft, sein Schiff durch tosende Fluten bis zur heimatlichen Insel zu führen - auch wenn er dafür 10 Jahre braucht, alle seine Gefährten und zuletzt auch sein Schiff und schließlich sogar sein Floß im tobenden Meer verliert.

Eine andere Beschreibung von Mythos, in dem es um Mythos als Welterklärung geht und um die Frage nach einem Mythos der Zukunft findest du hier: Mythos-Web.de


 

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Kommentare

Theseus

Ich bin bildender Künstler und habe mich in den letzten Wochen etwas intensiver mit dem Minotaurus-Mythos beschäftigt und zwei kleine Artikel dazu geschrieben (https://www.willi-buesing.de/willi-buesing-blog/). Daher möchte ich zur Figur des Theseus einige Worte verlieren. Es geht in diesem Mythos weit mehr als um die Auseinandersetzung mit den eigenen, noch unerkannten Trieben. Nicht zuletzt wird Theseus König nicht aufgrund seiner wachsenden Verantwortung, sondern wegen des billigend in Kauf genommenen Selbstmord seines Vaters. Dem hatte er nämlich "vergessen" mitzuteilen, dass er noch lebt und seine Mission auf Kreta erfüllt hatte.
Aus meiner Sicht ist das Ende der minoischen und die damit einhergehende Stärkung der helladischen Kultur der Kern des Mythos. Theseus ist gewissermaßen der "Erneuerer", und damit auch Zerstörer einer alten Kultur. Ähnlich wie Odysseus entzaubert er die Welt.

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