Wunschliste

Wunschkliste
Auch himmlische Wünsche - Erfüller gehen heutzutage professionell vor. Und das heißt natürlich: Die Wunschzettel werden gesammelt und sortiert. Eine lange Wunschliste an die Himmelsmächte entsteht.

Was möchtest Du denn vom Christkind", hörte man die Mama dort sprechen. "Ich schreibe es auf den Zettel, leg den vor's Fenster und dann holt ihn das Christkind, gell Mama?" Die schaute ganz verschmitzt und freute sich schon darauf das Christkind zu spielen und später unbemerkt den Zettel vom Fenster zu holen. Was stand drauf?

An das Christkind: Bitte schick mir fünf Pokemon und einen Legobaukasten. Im Zeitraffer zeigte nun der vorgeführte Film eine Morgenszene. Eine wütende Mama kämpfte gegen ihre Müdigkeit, als sie drei Stunden vor den Kindern aufstand um bei einer Reinigungsfirma das Geld für die Geschenke der Familie zu verdienen.

Die Kamera schwenkte zurück, als sie erschöpft heimkam, ihre Kinder nervte, weil sie vor Erschöpfung nur Ruhe haben wollte, bevor sie die nächste Arbeit im Büro anfing. Aber sie stolperte über eine endlose Reihe von Pokemons und Legosteinen. Die Kinder hatten sie achtlos auf dem Boden liegenlassen. 

Es war eine ganze Sammlung aus früheren Kinderwünschen her schon im Haus. Dabei verstauchte sie sich das Bein. Was hatte sie sich ewig geärgert, dass die Sachen stets über die Wohnung verstreut waren und die Basteleien ihres Mannes auch nie aufgeräumt wurden. Nun aber musste sie auf der Couch liegen und ihren Knöchel kühlen.

Die Kinder kamen und umsorgten sie. Als der Schmerz und die Wut nachließen, fing sie an von ihrem Leben zu erzählen. Sie kannte schöne Erinnerungen. Die Kinder machten große Augen und sie begannen andere Träume zu entwickeln. So fand sie der Vater noch immer still versammelt, als er abends nach Hause kam.

Er gab sich wegen diesem ungewöhnlichen Ereignis auch mit einem einfachen Abendbrot zufrieden. Das machte ihn auch satt und war bekömmlicher. Auch er merkte plötzlich - das Einfache ist viel angenehmer und überschaubarer. Ob ich da etwa auch auf viele Aktivitäten aufgebe und nicht mehr mit dem Sammeln von Tausend Dingen das Leben in der Familie schwer mache? Da lernte die Mama mit großen Augen in der so entstandenen Ruhe nun auch die guten Seiten ihrer Lieben kennen.

"So was!" platzte Gerti dazwischen. "Die haben uns gar nicht die richtigen Wünsche gemeldet!" Ich habe den Wunschzettel der Familie Hamster. Fünf Pokemon und Legobaukasten steht drauf. Aber der wirkliche Wunsch war ein ganz anderer! Ihre Mutti hat auch einen Wunschzettel gebracht: Sie schreibt: Bitte einen besseren Arbeitsplatz, damit ich meinen Kindern mehr bieten kann!

Schweigen war einige Minuten im Saale. Man spürte die allgemeine Betroffenheit, bis der Vorsitzende um die nächste Vorführung bat.

Sputnik zeigte zwei weitere Filme. Ein Planungsbüro mit riesigen Bildschirmen. Fluchend, Schweißperlen am Kopf, eine Menge Kognak und Kaffee neben sich, war ein Ingenieur am Grübeln. Sein Wunsch - man brauchte nicht lange raten - war die Lösung eines Problems. Eine Produktionsanlage vollautomatisch programmiert, sollte die vielen Arbeitskräfte ersetzen. Dies war das vorrangige Ziel der Geschäftsleitung, wie ein anderer Ausschnitt, eine Vorstandssitzung zeigte. Der andere Film zeigte ein Kaufhaus wo Hunderte Menschen zwischen den Regalen ihre Einkäufe sammelten. Er wechselte zur Mülldeponie, einer Lagerhalle, wo unter riesigem Gestank das Plastik wieder aufbereitet wurde.

Die neuartige Filmtechnik machte auch die Geruchsübermittlung möglich. Ein Großausschnitt zeigte die müden und kranken Gesichter der dort beschäftigen und schwenkte auch an das Krankenbett einer Angestellten, die ihr Kind auf Grund der giftigen Produktionsmittel gerade verloren hatte. Im gleichen Krankenhaus wurde gerade eine junge Frau eingelieferte,
voll Wunden, blutend und zerkratzt. Über die neue Krankheit der Selbstverstümmelung diskutierten und rätselten die Ärzte- Ein Kollege gab grad dem anderen den Lebenslauf der Patientin weiter. Einige Jahre Arbeit in einer Druckerei, viele Jahre in der Plastikindustrie waren darauf vermerkt.

"Was soll das heißen!" rief der Manager dazwischen, der aus der produzierenden Industrie zum Wunschkomitee gekommen war, um mehr über die zukünftigen Wünsche und entsprechende künftige Marktchancen zu erfahren. Er tobte. "Soll das heißen, die Industrie ist schuld an dem Elend und den Krankheiten der Leute?"

"Wir klären hier nur das Wesen der Wünsche" entgegnete ihm der Vorsitzende ruhig. Solange sich die Industrie eine sinnlose Ausweitung der Produktion wünscht, weil ihr Management keinen anderen Einfall hat, wie das Leben sonst zu regeln sei - solange bringen diese Wünsche Krankheit und riesige Abfallberge. Das ist doch sicher nicht Ihr Wunsch, oder?

Alle schauten betroffen drein. Jeder dachte an die überflüssigen Aktien und Bankkonten, an denen er auch beteiligt war, auch an die unnützen Käufe ließen sie rot werden und die Abfallberge, die sie schon geliefert hatten. Hatten nicht die Manager Anweisung erhalten, den Kapitalertrag so zu steuern, dass er Gewinn brachte?

Hatte er nicht genau deswegen die anderen gejagt und Druck gemacht? Ob die überflüssigen Käufe auch zur Krankheit der jungen Frau beigetragen hatten? Da hatte ihr Chef wohl Recht, überlegten sie in der Konferenz. Man muss das Problem bei den Wünschen anfassen und nicht bei den Gesetzen über Umweltschutz!

"Den Zusammenhang "Wünsche steuern statt Gesetze für Umweltschutz" habe ich doch gar nicht gesagt" überlegte der Vorsitzende, als er die Bewegung im Raum spürte. Wie kam nur der Gedanke in ihre Mitte? Einer schaute den anderen fragend an. Der Manager war um die Nasenspitze herum ganz blass geworden und fragte bei sich, "was soll ich nur weitergeben?" Nach dieser Konferenz geht es nicht mehr weiter mit der Marktwirtschaft - das wäre Minus - vermutlich das Aus! Keiner mag Krankheiten - mit denen wir doch so viel Geld verdienen.

Es wurde ganz still im Raum. "Nun tragt mal die Wunschzettel vor" sprach der Vorsitzende. Jeder hat 5 Minuten Sprechzeit. Ich hoffe, Ihr habt Eure Unterlagen entsprechend aufbereitet. Bitte der Reihe nach, rechts rum, schwenkte er den Arm mit seiner Geste. Gabi fing errötend und ganz leise an: "Bitte zwei Küsse!"

Schmunzeln breitete sich aus. “Da hat wohl einer schon vorher spioniert”, fiel dem Vorsitzenden ein. Ein Werbespion hatte ihn erraten aber ihn unkeusch manipuliert! Herrn Gernliebs Gedanken schwenkten zu den Werbebildern um, draußen an der Bushaltestelle im Schneetreiben. Sobald er dort vorbeiging, wollte er am Liebsten seinen Mantel den nackten Mädchen im Schnee zur Verfügung stellen.

Die mussten nämlich auf den Bildern Unterwäsche feilhalten. Da fror es ihn, wenn er sie sah und seine Frau ärgerte das unbrauchbare Plastikmaterial, das sie zur Schau stellten, auch. Sie kaufte es nie, denn sie liebte Bequemes aus Natursachen. Da war wohl wieder ein Musterbeispiel von schief gegangener Wunsch?

Helga wünschte sich ein Navi-Gerät. Ihre Freundin hatte so dafür geschwärmt. Als sie miteinander Auto fuhren, gab es kein Gezänk mehr auf dem Weg. Die Navi-Stimme hatte alles im Griff!

“Jetzt möchte ich auch so in Ruhe Auto fahren!” vermerkte sie auf den Wunschzettel dazu.
Wieder war Grinsen war im Raum. Sie kannten alle Helgas Fahrkünste und wie oft sie ihr beim Verfahren telefonisch Rat geben mussten. Eifrig notierte der Manager mit roten Wangen den Wunsch und ein sehr ehrlich wirkender Ingenieur von der technischen Beratung runzelte die Stirn - ob eines Tages dieser Wunsch in der Atmosphäre Auswirkungen haben könnte oder nicht. Wir werden es ja merken, meinte er. Aber ich werde es beobachten!

Gerti trug vor: "Wünsche mir ein Handy, damit Mama mich immer anrufen kann, wenn sie mich nicht rechtzeitig vom Kindergarten abholen kann." Das Schmunzeln konnte kaum einer unterdrücken, zumal die Mama als erklärte Umweltschützerin galt und eine Gegnerin von Handymasten war.

Wünsche Erfüller

 

 

 

 

Weiter Kapitel 3: Wünsche & Geschenke

 


 

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