Götter und Menschen bei Julius Evola

Michelangelo Gott erschafft den Mensch

Götter und Menschen.
Mit diesem heißen Thema hat sich auch der große italienische Kulturphilosoph Julius Evola eingehend auseinandergesetzt.

Götter sind für ihn weder passé, noch folgt er der Tradition Götter, an Götter zu glauben. Bei Julius Evola sind Götter die Erfahrung "nackter wirkender Kräfte".

Das folgende Text stammt aus seinem Werk "Revolte gegen die moderne Welt".

Die Formatierung und Zwischenüberschriften von mir - A.J.


"In der gegenwärtigen Auffassung beruht die Religion auf der Vorstellung von Gottheiten, die als Wesen für sich gelten, oder gar auf einer Vorstellung, die Gott als persönliches Wesen und segenbringenden Lenker des Universums sieht, der Kult wird im wesentlichen als eine liebende Hingabe, als gefühlsbetonte und demütige Beziehung des "Gläubigen" mit diesem oder diesen Wesen angesehen, wobei bei dieser Beziehung das moralische Gesetz das wesentliche Moment darstellt.

In den ursprünglichen Formen der Traditionswelt würde man vergeblich etwas ähnliches suchen. Es sind Kulturen bekannt, die für ihre Götter weder Namen noch Bilder besaßen, wie man es sogar von den Pelasgern berichtet. Auch die Römer stellten ihre Gottheiten beinahe zwei Jahrhunderte lang nicht bildlich oder höchstens in Form eines symbolischen Gegenstandes dar.

Selbst der Animismus, d.h. die Vorstellung, daß eine "Anima" (Seele) die Grundlage einer allgemeinen Darstellung des Göttlichen und der Kräfte des Universums bilde, entspricht nicht dem ursprünglichen Zustand; vielmehr entspricht ihm die Vorstellung oder Wahrnehmung von reinen Kräften, wofür die römische Auffassung des numen 31 wiederum eine der zutreffendsten ist.

Götter als wirkende Kräfte

Das numen ist im Gegensatz zum deus (Gott, wie er in der Folgezeit aufgefaßt wurde) weder ein Wesen noch eine Person, sondern eine nackte Kraft, die durch die Fähigkeit, Wirkungen auszulösen, zu handeln und in Erscheinung zu treten, definiert wird. Das Erfühlen der tatsächlichen Gegenwart solcher Kräfte, solcher numina, als etwas Transzendentes und doch in allem Innewohnendes, als Wunderbares und gleichzeitig Furchterregendes stellte das Wesen der ursprünglichen Erfahrung des "Heiligen", des "Sakralen" dar.

Ein bekannter Ausspruch von Servius zeigt deutlich, daß in den Anfängen "Religion" nichts anderes war als Erfahrung. Und wenn auch mehr zurechtgemachte Gesichtspunkte im Exoterismus, d.h. in den für das Volk bestimmten traditionalen Formen, nicht ausgeschlossen waren, wurde man in den "inneren Lehren" unterrichtet, daß die mehr oder weniger vergegenständlichten, persönlichen Gottheiten Symbole sind für über der Vernunft und über den Menschen stehende Seinsweisen.

Wie gesagt, bestand der Mittelpunkt in der realen und lebendigen Gegenwart solcher Seinszustände in einer Elite oder wenigstens im Ideal ihrer Verwirklichung durch das, was in Tibet ausdrücklich "direkter Weg" heißt und was im allgemeinen in der Initiation als effektiver Seinswechsel der inneren Natur seinen Ausdruck findet. Als Losungswort der traditionalen "inneren Lehre" kann wohl dieser Ausspruch aus den Upanischaden gelten: "Wer eine Gottheit verehrt, die verschieden ist vom spirituellen Ich (atma) und sagt: "Dies ist das eine, und ich bin das andere", der ist kein Weiser, sondern wie ein Tier, das den Göttern nützlich ist."

Im eher äußeren Kreis gab es eben den Ritus. Aber im Ritus war wenig "Religiöses" zu finden und in dem, der ihn vollzog, wenig dramatisches Pathos, es handelte sich eher um eine "göttliche Technik", d.h. um eine unsichtbare Kräfte und innere Bewußtseinszustände zwingende und bestimmende Handlung, in ihrem Geist der Technik ähnlich, die man heute für die physikalischen Kräfte und die Zustände der Materie konstruiert hat. Priester war einfach, wer dank seiner Fähigkeiten und der damit verbundenen besonderen Tugend (virtus) die besagte Technik wirksam anzuwenden verstand.

"Religion" war gleichbedeutend mit den indigitamenta des Urrömertums, d.h. der Formelsammlung, die man von Mal zu Mal für die verschiedenen numina verwenden mußte. Man wird also verstehen, daß Gebete, Ängste, Hoffnungen und andere Gefühle gegenüber dem, was den Charakter eines numen, d.h. einer Kraft hat, genauso wenig Sinn haben, wie diese Gefühle auch für einen modernen Menschen sinn– und wertlos sind, wenn er zum Beispiel eine mechanische Erscheinung hervorrufen will.

Fortsetzung: 

Götter und Menschen, Teil 2


 

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