Götter und Menschen bei Julius Evola 2

Götter und Menschen - mit diesem heißen Thema hat sich der große italienische Kulturphilosoph Julius Evola eingehend auseinandergesetzt.

- Fortsetzung von Goetter-menschen-julius-evola

DerText stammt aus seinem Werk "Revolte gegen die moderne Welt".

Die Formatierung und Zwischenüberschriften von mir - A.J.


Götter und Menschen

Es ging vielmehr darum, genauso wie in der Technik die Zusammenhänge zu erkennen, die, war einmal durch einen korrekt vollzogenen Ritus eine Ursache gesetzt, immer auch eine zwingende Wirkung folgen ließen, und zwar im Rahmen der "Mächte" und allgemein der verschiedenen, unsichtbaren Kräfte und verschiedenen Seins–Zustände. Das Gesetz des Handelns hat also Vorrang. Aber das Gesetz des Handelns ist auch das Gesetz der Freiheit: Keine Fessel beschränkt geistig die Wesen. Sie haben nicht zu hoffen, und sie haben nicht zu fürchten: Sie haben zu handeln.

So herrscht in der ältesten indo-arischen Vorstellung der Welt eben ausschließlich das sich aus höheren Naturen zusammensetzende brahmana–Geschlecht, das durch die Kraft des Ritus Herr über Brahman ist, worunter hier das Urlebensprinzip verstanden wird; und die "Götter" sind, wenn nicht Personifikationen der rituellen Handlung, d.h. durch diese Handlung erst entstandene oder zu neuem Leben erweckte Wesenheiten, geistige Kräfte, die sich ihr beugen.

Der Mensch, der nach der fernöstlichen Tradition Autorität hat, besitzt, ... die Würde einer "dritten Macht zwischen Himmel und Erde". "Seine Fähigkeiten sind weit und ausgedehnt wie der Himmel; die geheime Quelle, der sie entstammen, ist tief wie ein Abgrund." "Seine Fähigkeiten und mächtigen Eigenschaften kommen dem Himmel gleich."

Im alten Ägypten waren sogar die "großen Götter" durch die Priester, die im Besitz der heiligen Formeln waren, von der Vernichtung bedroht. Kamutef, d.h. "Stier seiner Mutter", also derjenige, der als Mann die Ursubstanz besitzt, war ein Titel des ägyptischen Pharaos; und auch in anderer Hinsicht ist er in der Beziehung zum Göttlichen der Bestimmende und nicht der Bestimmte. In der Formel, die von den ägyptischen Pharaos vor den Riten ausgesprochen wurde, liest man z.B.: "Oh Götter, ihr seid gerettet, wenn ich gerettet bin; eure Doppel sind gerettet, wenn mein Doppel an der Spitze aller lebenden Doppel ist: Alle leben, wenn ich lebe."

Formeln der Glorie, der Macht und der absoluten Identifikation werden von der "osirifizierten" Seele während ihrer Prüfungen gesprochen. Diese Prüfungen können übrigens auch den Graden der solaren (sonnenhaften) Initiation gleichgestellt werden. Diese Traditionen setzten sich im alexandrinischen Schrifttum fort, wo man von einem "Heiligen Geschlecht der Königslosen" sprach, das "selbstbestimmend und immateriell ist und wirkt, ohne der Handlung zu unterliegen"; und eine "heilige Wissenschaft aus alten Jahrhunderten" ist ihm gegeben, wie sie den "Herrn des Geistes und des Tempels" eigen ist und die nur den Königen, Herrschern und Priestern mitgeteilt wird: eine Wissenschaft, die auch mit den Riten des pharaonischen Königtums in Beziehung stand und die in der Folge im Abendland eben den Namen Ars Regia (königliche Kunst) annehmen sollte.

In den höchsten Formen der leuchtenden, indio-europäischen Geistigkeit in Griechenland wie im alten Rom und im Fernen Osten, bedeutet die Doktrin nichts oder so gut wie nichts; nur die Riten waren feststehend und unumgänglich. Die Rechtgläubigkeit wurde durch sie und nicht durch Dogmen bestimmt, mehr durch Praktiken als durch Ideen. Nicht das "Nicht–Glauben", sondern die Vernachlässigung der Riten war sacrilegium und Gottlosigkeit.

Das alles sprach aber nicht für einen "Formalismus", wie es das Unverständnis der modernen, mehr oder weniger durch die protestantische Mentalität beeinflußten Geschichtsschreiber will, sondern im Gegenteil für das nackte Gesetz des geistigen Handelns. Auch im achäisch-dorischen Ritual gab es keine Gefühlsbeziehungen sondern beinahe ein do ut des (ich gebe, damit Du gibst). Im "religiösen" Sinn wurden vielfach nicht einmal die Götter des Begräbniskultes behandelt: Sie liebten die Menschen nicht, noch wurden sie von den Menschen geliebt. Mit dem Kulte wollte man sie nur für sich gewinnen und verhindern, daß sie unheilvoll wirkten.

Auch die expiatio (Sühne) hatte ursprünglich denselben Charakter eines objektiven Vorgehens, wie ihn z.B. das medizinische Vorgehen gegen eine Infektion hat, ohne Zutun von etwas, das einer Bestrafung oder einer Seelenreue geähnelt hätte. Die Formeln, die jede patrizische Familie und jede antike Stadt in den Beziehungen mit den Mächten ihres Schicksals verwendete, waren die gleichen, die ihre entsprechenden göttlichen Stammväter schon verwendet hatten und denen die "Mächte", die numina nachgegeben hatten:

Sie waren also das Erbe einer mystischen Herrschaft; nicht ein Gefühlserguß, sondern eine auf übernatürlichem Gebiet wirksame Waffe, allerdings immer unter der Voraussetzung (die für jede Technik gilt), daß im Ritus nichts abgeändert würde."

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