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Traditionelles Kastenwesen in Indien

Kastenwesen in Indien - Indische Frau
Kastenwesen in Indien – Indische Frau

Das Kastenwesen in Indien hat heute noch gravierende Auswirkungen auf das Leben eines Menschen. Traditionell ist es so, dass ein Mensch in eine Kaste hineingeboren wird. Sein Schicksal ist damit schon mit der Geburt weitgehend festgelegt. Genauer gesagt: schon mit Zeugung. Ein Wechsel zwischen den Kasten ist nicht möglich. Gesetzlich sind die Kasten seit 1949 abgeschafft. Doch es ist nach wie vor nicht leicht, das Kastenwesen in Indien zu überwinden.

Es ändert sich – aber langsam

Das Kastenwesen hat traditionell das Denken und den Alltag in Indien so tief geprägt, dass weder ein Einzelner, noch eine einzelne Kaste und eben auch keine offiziellen Gesetze ihre – inoffizielle – Gültigkeit außer Kraft setzen könnten. Auch wenn die Kasten im heutigen Indien von vielen Indern in Frage gestellt werden, kann ein Inder (der unteren Kaste insbesondere) nur teilweise oder unter besonders günstigen Umständen den wirkenden Mechanismen entkommen. In den Städten ist es leichter als auf dem Land. In den modernen Büros der IT-Branche leichter als im Handwerksbereich. Auf dem Land aber, und dort wohnen die meisten Inder, gelten die Regeln des Kastenwesen – zwar nur inoffiziell, dafür aber umso selbstverständlicher.

Kastenwesen in Indien: Die vier sind hierarchisch aufgebaut. Ganz unten, die Unberührbaren, gehören keiner Kaste an.
Kastenwesen in Indien: Die vier sind hierarchisch aufgebaut. Ganz unten, die Unberührbaren, gehören keiner Kaste an.

Das Kastenwesen in Indien hat eine lange Tradition

Aus dem Mund des Urvaters der Menschen ist der Brahmane (Lehrer, Priester) geworden, aus den Arme der Kschatriya (Krieger), aus den Schenkeln der Vaishya (Händler) und aus den Füßen der Shudra (Handwerker). Wenn die vier Kasten zusammenwirken, einander (in moderner Terminologie) ihre Leistungen zur Verfügung stellen, wird die Gesellschaft stabil, leistungsfähig und bietet jedem Orientierung. Nicht nur für das Leben in dieser Inkarnation, sondern auch die künftigen Inkarnationen. Umso besser die Pflichten und Aufgaben der Kaste, in die man hineingeboren, erfüllt wurden, umso wahrscheinlicher ist es, in der nächsten Inkarnation in eine höhere Kaste hineingeboren zu werden. Bis man sich auf diesem mühsamen Weg schließlich aus dem Rad der immer neuen Geburt befreien kann. 

Spirituelles Wachstum als Begründung

Und an dieser Vorstellung – von spirituellem Wachstum – ist mit Sicherheit das eine oder andere Fünkchen Wahrheit. Wäre z.B. jede dieser Kasten gleichermaßen anerkannt und in ihren Leistungen geschätzt, wäre das Kastenwesen durchaus wertvoll für das Gemeinwesen wie für den Einzelnen. Ursprünglich war es auch so angelegt. Gerade im – den Körper wertschätzenden – Hinduismus ist der Mund nicht wertvoller als die Schenkel oder die Füße. Aber sobald das Wort ungleich höher geschätzt wird als die Tat, das Leben nach dem Tod höher als das gerade aktuelle werden salbungsvolle Worte hohl. Aus einer einstmals sinnvollen harmonischen Ordnung wird eine Wertehierarchie, die für Unterprivilegierte unerträglich ist.

Saddhu-Mönche in Varanasi, Sadhu werden kann jeder Hindu, unabhängig von der Kaste.
Saddhu-Mönche in Varanasi, Sadhu werden kann jeder Hindu, unabhängig von der Kaste.

Vier Kasten im Hinduismus

Reichtum ist traditionell und auch ausdrücklich kein Kriterium für die Zugehörigkeit zu einer Kaste. Gerade Händler können sehr reich sein, Brahmanen durchaus sehr ärmlich leben. Doch finden sich die Ärmsten der Armen in Indien faktisch vor allem bei den Unberührbaren, den „Dalit“, die zu keiner der vier Kasten gehören. Sie werden als Bodensatz der Gesellschaft geächtet. Sie gelten im eigentlichen Sinne nicht als Menschen. Und die Zahl der Nicht-Menschen ist hoch. 160 Millionen. Unberührbare etwa soll es im heutigen Indien geben. Auf diesem – sogenannten – Bodensatz der Gesellschaft erheben sich die vier mehr oder weniger privilegierten Kasten des indischen Kastenwesen: 

 1. Brahmanen (traditionell die intellektuelle Elite, Ausleger heiliger Schriften (Veda), Priester)
   2. Kshatriyas (traditionell Krieger und Fürsten, höhere Beamte)
   3. Vaishyas (traditionell Händler, Kaufleute, Grundbesitzer, Landwirte)
   4. Shudras (traditionell Handwerker, Pachtbauern, Tagelöhner)

Die vier Kasten des Kastenwesens unterscheiden sich vor allem durch die sozialen Rollen: Pflichten, Aufgaben für das Gemeinwesen, die jeder Kaste zugeschrieben werden. Die traditionelle Pflicht eines Kshatriya, der 2. Kaste, ist es, die Gesellschaft zu führen, zu kämpfen und in den Krieg zu ziehen. Während die grundlegend materiellen Lebensbedürfnisse durch die dritte und vierte Kaste gesichert werden. Die Brahmanen – der Mund – allein haben das Recht, die Schriften zu studieren und sein Wissen zu lehren. Außerdem vollziehen nur sie die religiösen Rituale.

Kastenwesen in Indien heute

Alle politischen Maßnahmen, (Quotenregelungen bzw „Reservierungen“, wie der in Indien übliche Begriff dafür heißt), sind bislang nur Flickwerk geblieben. Zu tief durchsetzt das Kastenwesen die gesamte indische Kultur. Doch durch Einwanderungsbewegungen und dann vor allem die industrielle Entwicklung hat sich auch in Indien die Gesellschaft nach und nach funktional statt hierarchisch (Funktionen, die erfüllt werden müssen, damit das Gemeinwesen funktionieren kann) differenziert. Mit vier Kasten, selbst wenn sie in unzählige Unterkasten untergliedert wird, lässt sich das Zusammenleben der Menschen heute nicht mehr (oder immer schlechter funktionierend) regulieren. 

Zum Vergleich – Das Zunftwesen in Deutschland

Aus Deutschland bzw. Europa kennen wir – als Vergleich – noch heute die Nachwirkungen des traditionellen Stände- und Zunftwesens. Vor allem im Handwerkswesen der Kleinstädte und Dörfer sind die traditionell streng hierarchischen Strukturen auch bei uns noch spürbar. Im Vergleich zu Indien durchziehen diese hierarchischen Strukturen bei uns aber schon lange nicht mehr die gesamte Gesellschaft. Wer wen heiratet – obliegt bei uns weitgehend der Entscheidungen des Paares selbst. Anders in Indien. Das traditionelle Kastenwesen macht auch heute eine freie Partnerwahl sehr schwer. Auch die Wahl des Berufes oder der Region, in der man leben möchte, wird traditionell entsprechend der Kaste, in die ein Mensch hineingeboren, vorgeschrieben.

Literaturquellen:

Bildquellen:

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