Götter geben der Welt einen Sinn - beobachten ist das Zauberwort.
Götter geben der Welt einen Sinn – beobachten ist das Zauberwort.

Götter geben der Welt einen Sinn. Sagt man so. Sinn und Bedeutung, Sinn im Sinne von Bedeutung. Tun sie das? Tun das, taten dies je – Götter? Wieso denn die Götter?

Woher kommt Sinn wenn nicht von Göttern?

Wenn wir uns nicht, gesetzt den Fall wieder, wenn wir uns nicht von allmächtigen Göttern, oder von deren Stellvertretern auf Erden, Sinn vorgeben lassen wollen, haben wir ein Folgeproblem. Ohne Sinn, das Erleben von Sinn in ihrem Leben halten Menschen nicht lange durch. Doch woher nehmen? Von wo könnte Sinn kommen? 

Was wir schon haben, um die Frage beantworten zu können:

Alles ist mit allem verbunden, es verbindet sich selbst mit allem anderem. Bei den alten Indern war diese Einsicht vielleicht noch mehr oder weniger Intuition. Heute zu Zeiten der Globalisierung kann es jeder tagtäglich erleben. Ob einem das gefällt oder nicht.

Der zweite Punkt war: Lebendige Systeme sorgen für ihr eigenes Überleben, jedes für sich. Und auch für Systeme (Ereigniskreisläufe) gilt, was für Ereignisse allgemein gilt, dass sie mit allen anderen Systemen verbunden sind, sich verbinden genauer gesagt. Nicht unmittelbar, sondern muster-bildend, über Filter.

Gehen wir auf der Basis noch einen Schritt weiter – zum Menschen, genauer zur Sonderrolle, Sonderaufgabe des Menschen und zwar jedes einzelnen, konkreten Menschen.

Wir Menschen, wie wir uns selbst erleben, sind nicht allmächtig noch allwissend, allgütig schon erst gar nicht. Und die Welt als Ganzes koordinieren und kontrollieren können wir auch nicht.

Aber das müssen wir auch nicht, ganz im Gegenteil, es zu versuchen, wäre kontraproduktiv. Mindestens. 

Götter beobachten

Aber wir haben eine spezifische Gabe, die bislang den Göttern, so unsere Vorstellungen von Göttern, vorbehalten war.

Wir können Gott und die Welt beobachten, indem wir unterscheiden lernen zwischen dem, was wir gerade tun und dem was wir noch tun könnten. Ohne Sprache undenkbar. Mit Sprache aber erschaffen wir eine eigene Welt, eine, in der die direkt erlebte Welt beschrieben wird. Man könnte auch sagen, siehe Medienwirklichkeit, die Welt wird verdoppelt. Und das nicht 1:1, sondern ja nach Interessenlage der Schreiberlinge. 

Dank Sprache lernen wir auch, zu entscheiden, was wir wie genau beobachten wollen und was nicht. Wohin wir unser Augenmerk lenken. Abhängig davon, was uns interessiert und was nicht. Und dass das auch anders sein könnte, ja, dass es sich ständig wandelt.

Und wie das eine mit dem anderen zusammen hängt – auch das können viele Menschen durchaus erklären, wenn´s jemand wissen will. Mit anderen Worten: Wir können auch unsere eigenen Interessen beobachten. Und diese, ggf. verändern. Diese Phänomene sind heute in der Wahrnehmungspsychologie und auch in der allgemeinen Systemtheorie schon gut erforscht. 

Sein Bild der Welt – Weltbild

Indem Menschen ihre Welt, nicht nur, aber am deutlichsten mit Worten, beschreiben, erzeugen sie ihr, erzeugen wir unser Welt-Bild. Ein Bild der Welt, in dem wir uns selbst lokalisieren. In der Mitte – normalerweise. Jeder Mensch denkt, fühlt, imaginiert qua Sprache und Welt-Bild über seine unmittelbare Existenz hinaus. 

Meist ja passt das so gebaute Weltbild nicht dazu, wie wir uns und die Welt tagtäglich selbstverständlich erleben. Diese Kluft mag mitunter unerträglich werden. Und doch bewirkt diese Kluft, dass sich beides verändert, die Hoffnung, der große Sinn sowohl als auch unser selbstverständlich alltägliches, sinnliches Tun und Lassen.

Nicht von Anfang an der Menschheitsgeschichte, aber Schritt für Schritt, Jahrhundert für Jahrhundert.

Wie im großen Allgemeinen so auch im kleinen Konkreten: Kein Mensch kommt schon reflektierend, nach innen, auf die Welt, auf andere schauend, deutend, sich nach seinem eigenen Bilde erschaffend, auf die Welt. Beobachten, reflektieren und daraus folgend dann verantwortlich handeln, weiter lernen, sich selbst korrigieren, will gelernt sein.

Klar, aber heute ist es ungleich leichter, dies zu lernen als vor 1000 Jahren, vor 3000, vor 5000 Jahren. Jeder Mensch ist ein Zwerg auf den Schultern des Riesen Menschheit, Menschen lernen durch Menschen. Und lernen also Schritt für Schritt, sich selbst eine Richtung, Sinn zu geben.

„Mensch ist Gott.“ meint eben dies. Und nicht das große Missverständnis von Omnipotenz – Allmacht, Allwissenheit, Allgüte.

Mensch ist Gott

Die Natur als Ganzes ist heilig, sagen viele. Auf jeden Fall ist sie lebendig, sich selbst heilend. Doch die Welt als Ganzes im Innersten zusammen halten tut sie nicht. Oder im Götter-Vokabular: Dafür hat sie aus sich selbst heraus, über sich hinaus, den Menschen erschaffen. Die Welt im Innersten zusammenhalten – ist die Aufgabe des Menschen. Insofern im Götter-Vokabular:

Mensch ist Gott: Jeder einzelne Mensch ist der eine Gott, der die Welt im Innersten zusammenhält. Und nur konkrete Menschen können das tun. Und sie können es. Sie tun es. Es ist ihre Verantwortung. Sie müssen diese ihre – durch nichts ersetzbare – Verantwortung „nur“ anerkennen – bei sich selbst und bei jedem anderen Menschen. So finden sich Mittel und Wege, das Miteinander, Gesellschaft von der Wurzel her zu heilen.

Klar, die Beobachtungskapazität eines Menschen ist wahrnehmungsphysiologisch ziemlich beschränkt – aber durch Lernen, Üben, Training erweiterbar. Stichwort Meditation.

Klar, die Aufmerksamkeit von Menschen zu erheischen, ist ein Riesengeschäft – eröffnet aber auch die Möglichkeit, dass jeder sich heute über Gott und in die Welt informieren kann. Die Ereignisse, die ein konkreter Mensch beobachten kann, wachsen ständig. Stichwort Überangebot.

Und schließlich klar, seine eigene Aufmerksamkeit überhaupt lenken zu wollen, haben Menschen erst lernen müssen. Ohne Sprache, Distanz zum unmittelbaren Geschehen, ohne Reflexion und die Entwicklung eines ICH käme niemand überhaupt auf die Idee, selbst über sich und sein Tun und Lassen entscheiden zu wollen. Zumindest ein Wörtchen mitreden zu dürfen – die Lücke zur Freiheit eben.

Die Lücke der Freiheit

Lass dir nicht einreden, Mensch, dass Du nichts als ein Bündel berechenbarer Reiz-Reaktionen bist. Sinnlos und hohl – das bist Du nicht. Die Lücke der Freiheit wächst.

Es ist nicht wahr, dass Du so bist wie Du bist, festgelegt schon, sinnlos, leer.
Es ist auch nicht wahr, dass jemand dir Ziel, Zweck, Sinn deiner Existenz vorgibt.
Und es ist nicht wahr, dass Du, allein und verlassen, bei nichts anfangen müsstest.

Festgelegt, wahr, schon da, ist, dass Du nicht anders kannst, als zu lernen, durch Erfahrung, Sprache verwendend, beobachtend, dir selbst einen Richtung zu geben. So sind Menschen gemacht, besser: So haben Menschen sich gemacht. So haben wir uns gemacht. Jeder von uns ist einzigartig. Das weiß man heute. Doch weiß man auch, was daraus alles folgt? 

Zum Beispiel: Dass letztlich jeder nur sich selbst gehorchen kann. Sich selbst zu gehorchen, ohne sich zu belügen, das will gelernt sein. Ein Leben lang oft. 

Thelemiten

Thelema ist ein griechisches Wort, das schon in der Bibel auftaucht und so viel heißt wie göttlicher Heilswille. Göttlicher Heilswille meint nicht, meint jedenfalls nicht zuerst, die Welt von ihren schreienden Selbstwidersprüchen zu heilen. 

Sondern eher, auch wenn das ein Gleichnis ist: Die Welt wie sie jetzt ist, als Spiegel zu sehen, in dem ich meine eigene Konflikte, Widersprüche und insbesondere die zerreißenden Selbstwidersprüche deutlich sehen kann. 

Ein Thelemit lernt, um im Bild zu bleiben, zu beobachten, was ihn alles aufregt. Was im Freudigen, was im Ärgerlichen, was mehr und was weniger und was immer wieder ganz besonders. Wenn ich dann so recht in Wallung bin, kann ich (Thelemit) mich schon mal auf die Lauer legen. Früher oder später erwische ich meinen Selbstwiderspruch, den ich heilen will in flagranti – auf frischer Tat. 

Anders, denke ich zumindest im Moment, als bei sich selbst anzufangen, wird es nicht gehen, wird es nicht werden, dass die Welt von ihren Selbstwidersprüchen gesundet.

Heute sind Thelemiten zwar weltweit verbreitet, aber in einer lose gekoppelten Bewegung, weder macht-politisch noch profit-wirtschaftlich koordiniert und dadurch meist unterhalb der Radarschirme der Medien.

Von reichweitenstarken Medien, wenn überhaupt, als bedenklich, kommuniziert.
Ich habe mich schon in den 90er Jahren der Thelema-Bewegung angeschlossen.
Ob schon andere Thelemiten auf die Idee gekommen, die Vorstellung von Göttern mit dem Prinzip der Autopoiesis zu verbinden, weiß ich nicht, könnte aber durchaus sein.

Denn nach Mitteln und Wegen, die göttliche Zusammenhänge für Menschen in dem was sie tagtäglich tun, erfahrbar zu machen, suchen Thelemiten. Quasi von Natur aus.

Was kann ich lernen?

Mich als autopoietisch beobachten zu lernen. Ich als Mensch (einzelner) bin ja nicht ein einzelner autopoietischer Prozess. Im Vokabular von Luhmann & Co: kein einzelnes isoliertes autopoietisches System, sondern erlebe mich selbst als ein Zusammenspiel von vielen ineinander greifenden Prozessen.

Allein schon unzählige biologische Systeme, von Verdauungssystem und Atemsystem bis zum Nervensystem. Dazu diverse soziale Systeme, die jedes nach ihren eigenen Spielregeln laufen wie sie laufen, von Familie über Vereine, Unternehmen, Massenmedien ohne Zahl bis hin zur Weltgesellschaft.

Und dann sind da noch meine Gedanken, Gefühle, Erinnerungen, Ahnungen, Empfinden. Auch sie, sobald ich sie zu beobachten beginne, bemerke ich es: Folgen ihrer eigenen Logik, ihren eigenen Automatismen, lassen sich lenken oder eben in erstaunlich vielen Fällen nicht.

Wer oder was von all diesen autopoietischen Prozessen (Systemen, Mustern) bin ich? Als wen oder was will ich mich – selbst – beschreiben und dann vor allem: wie?
Eine Frage, die mir niemand – inhaltlich – beantworten kann. Es ist meine Aufgabe. Oder mit Frodo: Diese Aufgabe ist für mich bestimmt.

Was fange ich mit mir an?

Sehr zu empfehlen aber ist zumindest, sich weder mit (seiner) Gesellschaft noch mit (seinem) Körper zu identifizieren, sondern mit dem, was niemand sonst beobachten kann – dem Inneren sagen manche, der Psyche andere, der Seele, dem Bewusstsein, es gibt viele Begriffe für dieses – höchst persönliches Geschehen.

Entscheidungen treffen, wann ich mich als autopoietisches (automatisch sich selbst erhaltendes) System einfach machen lasse. Was in 95 % der Fälle die beste Entscheidung sein dürfte. Und wann ich – gezielt, bewusst, Einfluss nehmen will auf diesen Prozess. Wenn er aus dem Ruder läuft, wenn ich Selbstwidersprüche entdecke. Die ich auflösen muss, wenn ich nicht in eine Selbstzerstörungsspirale rutschen will.

Mir Ziele setzen, Ziele über meine – bloße – Autopoiesis hinaus. Was will ich damit anfangen, dass ich so verfasst bin wie ich es bin. Gerade wenn ich zu begreifen beginne: Den anderen geht es – im Prinzip – genauso wie mir. Im Konkreten aber: Ganz anders.

Bildquellen: 

© Gellinger from pixabay


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